Die Dritte


Document du vendredi 17 avril 2009
Article mis à jour le 31 octobre 2009
par  P. Valas

Die Dritte (La Troisième). Traduction de Nicole Taubes dans le cadre du séminaire animé par P. Valas, à partir de l’enregistrement sonore de l’intervention de J. Lacan à Rome.

Die Dritte


 

Jacques Lacan


 

Vorlesung vor dem Kongreß in Rom (31.10. - 3.11.74),

erchienen in Lettres de l’École freudienne, Nr. 16, 1975, p. 177-203


 
Jacques Lacan à Rome
 

J. LACAN. — Wenn ich heute nachmittag spreche, so nur weil ich gestern und heute vormittag Ausgezeichnetes gehört habe. Ich werde mich hüten, die Leute namentlich aufzuzählen, es würde sich wie eine Liste der Preisgekrönten ausnehmen. Vornehmlich am Vormittag habe ich ausgezeichnete Sachen gehört.

Ich sag’s Ihnen vorab, ich werde vorlesen, Sie verstehen nachher, warum. Ich erkläre es da drinnen.

Die Dritte, das ist der Titel. Die Dritte, die kommt wieder, sie ist immer wieder die Erste, wie es bei Gérard de Nerval heißt. Gilt da der Einwand, es klinge an eine Platte an (que ça fasse disque) ? Warum sollte es nicht, wenn es wie die Platte wirkt (ça dit-ce-que).

Allerdings muß man es auch hören, dieses dit-ce-que, dieses disque(ours) d’Rome.

Wenn ich hiermit ein Stück mehr Onomatopöie in die Sprache reinspritze, so wäre diese nicht unberechtigt, mir zu versetzen, daß es für die Sprache keine Onomatopöie gibt, die nicht schon aus ihrem phonematischen System ihre Eigenart hernehme. Für das Französische hat es bekanntlich Jakobson kalibriert. So groß ist es. Anders gesagt, weil es Französisch ist, kann dieses discours de Rome an das disqu’ourdrome anklingen. Dem möchte ich allerdings einräumend beifügen, daß ourdrome ein Schnurren ist, das auch andere lalangues zulassen mögen, stimme ich doch schon dem Gehör nach mancher unserer geographischen Nachbarsprachen gern zu, und daß es uns doch naturgemäß entsprießt, aus dem Spiel der Matrix, der von Jakobson, die ich gerade eben bestimmt habe.

Da ich nicht zu lange sprechen soll, laß ich hier einiges aus. Dieses ourdrome ist mir nur Anlaß, die Stimme in die Serie der vier von mir klein a benannten Objekte einzureihen, das heißt, sie der Substanz zu entleeren, die es in dem Geräusch geben könnte, das sie macht, das heißt, sie wieder auf das Konto der signifikanten Handlung (opération signifiante) zu verbuchen, welche ich ausgehend von den sogenannten Wirkungen der Metonymie bestimmt habe. Solcher Weise ist die Stimme von da an sozusagen frei, frei etwas anderes zu sein als Substanz.

So. Meine Dritte einführend, ist es aber etwas anderes, was ich umzureißen beabsichtige. Diese Onomatopöie da, die mir etwas eigenwillig kam, begünstigt mich — fassen wir Holz — begünstigt mich insofern, als das Schnurren zweifelsohne die Lust (la jouissance) der Katzen ist. Ob sie durch ihre Kehle geht oder sonst wodurch, davon weiß ich nichts : wenn ich sie streichele, sieht’s so aus, als ob es ihnen aus dem ganzen Körper ausginge, und dies bringt mich dahin, wovon ich ausgehen will. Davon gehe ich aus ; damit ist Ihnen nicht unbedingt die Spielregel gegeben, aber das kommt nachher. “Je pense donc se jouit”. Es verwirft das übliche “donc”, welches sich “je souis” spricht.

Hierüber ein Scherzlein. Verwerfen, wenn es so zu verstehen ist als das, was ich über die Verwerfung (la forclusion) erklärt habe — nämlich daß, wenn man das “je souis” verwirft, es im Realen wieder zum Vorschein kommt —, das könnte sich wie ein Trotzwort meinem Alter anhören, ein Alter — wie man den Leuten so sagt, denen man es um die Ohren schmieren möchte —, in welchem Sokrates schon seit drei Jahren tot war ! Doch würde ich auch gleich auf der Stelle verscheiden — es könnte mir durchaus passieren, ist es doch Lévy-Strauß , mir nichts, dir nichts, am Rednerpult passiert — hat doch Descartes mit seinem “je souis” niemals sagen wollen, er freue sich des Lebens, er genieße sein Leben (jouir de la vie) . Das ist es überhaupt nicht. Welchen Sinn hat sein “je souis” ? Genau mein sujet, das “ich” der Psychoanalyse. Natürlich wußte er ’s nicht, der Arme, selbstverständlich wußte er’s nicht, das muß ich ihm deuten : das ist ein Symptom. Denn von wo denkt er her, bevor er den Schluß zieht, daß er “suit” — [folgt er] etwa der Musik des Seins (de l’être) ? Von dem Wissen der Schule her denkt er, wovon die Jesuiten, seine Lehrer, ihm die Ohren vollgemacht haben. Wie er feststellt, ist es ein bißchen kurz. Sicher wäre es besserer Tabak, wenn er dessen gewahr wäre, daß sein Wissen viel weiter geht, als er es in der Folgerichtigkeit (à la suite) der Schule annimmt, daß dort der Hase im Pfeffer liegt , wenn ich so sagen darf, zwar schon aus der bloßen Tatsache, daß er spricht, denn vom bloßen Sprechen, von lalangue sprechen hat er ja ein Unbewußtes, zwar ein ganz verwirrtes, wie jeder anständige Mensch auch, welches ich ein für das Subjekt unerreichbares Wissen nenne, während bei diesem Wissen nur ein Signifikant es, das Subjekt, vertritt ; es ist ein Vertreter, ein Handelsvertreter (un représentant de commerce ), wenn ich so sagen darf, er hat Handel mit diesem Wissen, das, wie es in seiner Zeit üblich ist, für Descartes darin besteht, daß er in den Diskurs eingefügt worden ist, wo er hineingeboren wurde, d. h. der Diskurs, den ich Diskurs des Herrn, des Junkers, nenne. Deswegen kommt er da nicht weiter, mit seinem “je pense donc je souis”.

Besser ist es immerhin als das, was Parmenides sagt. Diese Undurchsichtigkeit da, des Bindeglieds zwischen dem  und dem , daraus wird er nicht klug, der arme Plato, er wird daraus nicht klug ; doch wenn es ihn nicht gäbe, wer wüßte noch etwas von Parmenides ? Trotzdem steht fest, er kommt damit nicht zurecht, und würde er uns nicht die geniale Hysterie des Sokrates übermitteln, was wäre damit anzufangen ? Ich für meinen Teil habe mich gequält, während dieser Pseudo-Ferien, gequält mit dem “Sophisten”. Ich bin vermutlich selbst zu sehr sophistisch, als daß es mich interessierte. Da muß drin was stecken, dem ich total hermetisch bin. Ich finde daran kein Gefallen. Uns fehlen das Zeug, daß wir daran Gefallen hätten. Uns fehlt das Wissen darum, was ein Sophist damals war. Uns fehlt das Gewicht der Sache.

Zurück zu dem Sinne des “souis”. So einfach ist das nicht, was in der herkömmlichen Grammatik steht unter der Konjugation eines bestimmen Verbs “être” : im Lateinischen, da steht für alle klar, daß fui — wie man in Italien sagt — daß fui sich nicht mit sum summiert, wie man auch hier sagt. Ich erspare Ihnen das übrige Gerümpel. Ich lasse manches aus, ich lasse Ihnen alles wegfallen, was geschah, als diese Wilden, die Gallier, damit fertig werden mußten. Die schoben das est auf die Seite des stat. und waren übrigens dabei nicht die Einzigen. In Spanien war’s dieselbe Geschichte, glaube ich. Kurz, die Sprachwissenschafterei hilft sich aus dem Ganzen heraus so gut sie kann. Ich spare mir hier, Ihnen erneut das einzuhämmern, was unsere Gymnasiastensonntage ausmachte.

Bleibt dennoch sich zu wundern, aus was für Fleisch diese Wesen (ces êtres)…, die übrigens mythische Wesen sind : diese da, deren Namen ich da hingeschrieben habe, die Undeuxropéens , die wurden nur zum Zweck ausgedacht, das sind Mythemen — was haben die wohl in die Kopula reinstecken mögen… überall woanders sonst als in unseren Sprachen, ist es einfach irgend etwas, was als Kopula dient… ja, so etwas wie die Präfigurierung des fleischgewordenen “verbe” ! So wollen wir es hier sagen.

*Ich hab die Nase voll hier ! Man meinte mir eine Freude zu machen, indem man mich nach Rom holte, wer weiß warum. Es gibt zu viele Lokale für den Heiligen Geist.*

Was hat denn das Höchste Wesen (l’Être suprême) an Höchstem, wenn nicht eben durch diese Kopula ?

Zum Schluß habe ich des Spaßes halber das dazwischengefügt, was man Personen nennt : es, es … scheitert im Sein (ça foire à être), jedenfalls habe ich an etwas gerührt, das ich spaßig fand : m’es-tu-me ; mais-tu-me ; damit kann man sich schön verheddern : m’aimes-tu, mm (liebst-du mich, hm ?). In Wirklichkeit, ist es die gleiche Sache. Es ist die Sache mit der Message, die jeder in umgekehrter Form erhält. Ich sage es seit sehr langer Zeit und man lacht drüber. Um die Wahrheit zu sagen, verdanke ich es Claude Lévi-Strauss. Er hat sich zu einer meiner besten Freundinnen ans Ohr geneigt, die seine Frau ist — das ist die Monique, um sie zu nennen — und hat zu ihr gesagt, bezogen auf das, was ich zum Ausdruck brachte, genau das sei es, jeder erhielte seine Message in einer umgekehrten Form. Monique erzählte es mir weiter. Keine glücklichere Formulierung konnte ich finden für das, was ich damals sagen wollte. Jedenfalls hat er sie mir verpasst ; Sie sehen, ich greife zu, wo ich mein Glück finde.

Gut. Ich gehe schnell die weiteren Zeiten durch, die Stützung des Imperfekts. J’étais. So ? Und was stützt du ? qu’est-ce que tu étais, und so weiter. Gehen wir schneller durch, ich muß weiter kommen. Mit dem Konjunktiv wird’s lustig. Qu’il soit : wie das sich trifft ! Descartes hat ’s jedenfalls nicht übersehen : Gott, das ist das Sagen (Dieu c’est le dire). Für ihn ist klar, daß Di(eu)re das ist, durch wen, durch wessen Entscheidung, nach wessen Ermessen (à sa tête) die Wahrheit wird. Man braucht nur, di(eu)re comme moi (mir gleich zu sagen), das wird dann Wahrheit, keiner entgeht ihr. Wenn Di(eu)re mich betrügt, hab ich Pech gehabt, es ist die Wahrheit durch den Erlaß des di(eu)re, die goldene Wahrheit. Gut, weiter, denn hier an dieser Stelle mache ich bloß einige Bemerkungen, Leute betreffend, die die Kritik, dort jenseits des Rheins, herumgeschleppt haben, um dann zum Schluß Hitler in den Arsch zu kriechen. Das macht nich Wütig.

Also : das Symbolische, das Imaginäre und das Reale, das ist Nummer eins. Das Unerhörte ist, daß es Sinn erhalten hat, und zwar in dieser Einordnung Sinn erhalten. Für beides bin ich Ursache, Ursache für das, was ich den Wind nenne, wovon ich merke, daß ich dem gar nicht mehr zuvorkommen kann, der Wind wovon man heutzutage seine Segel aufbläst. Denn an Sinn fehlt es offenbar nicht, am Anfang. Darin besteht das Denken, daß Worte in den Körper einige blöde Vorstellungen einführen : da haben Sie den Trick ; da haben Sie das Imaginäre, dazu kommt, daß es sich uns aus dem Kropf ergibt (nous rend gorge) — was nicht heißt, daß es uns brüsten läßt (nous rengorge), nein, es kommt uns was herausgekotzt : und was ? ausgerechnet eine Wahrheit, eine Wahrheit mehr. Das ist der Gipfel ! Daraus, daß der Sinn in ihm wohne, ergeben sich uns gleichzeitig die beiden Anderen als Sinn mit. Der Idealismus, dessen Voraussetzung sonst allgemein widerrufen wurde, der Idealismus, der steckt dahinter. Die Leute wollen weiter nichts, das interessiert sie, ist doch das Denken wohl der größte Idiotenmacher, dieses Schütteln mit der Sinnesschelle.

Wie stelle ich es an, den philosophischen Gebrauch meiner Begriffe Ihnen aus dem Kopf zu schlagen, d. h. den unflätigen Gebrauch, wo es doch andererseits wohl hinein gelangen muss, doch besser wär’s schon, es gelange woandersher hinein. Sie stellen sich vor, Denken finde im Gehirn statt. Warum sollte ich es Ihnen ausreden. Für mich steht fest — ich bin es sicher, einfach so, fragen Sie nicht warum —, daß es in den Hautmuskeln der Stirn stattfindet, beim Sprechwesen (l’être parlant), genau wie beim Igel. Ich liebe Igel. Wenn ich einen sehe, steck ich ihn in die Tasche, im Taschentuch. Natürlich pisst er, bis ich ihn auf meinen Rasen gebracht habe, in meiner Laube. Und da liebe ich es, zu beobachten, wie dieses Runzeln der Hautmuskeln auf der Stirn sich vollzieht. Nachher, ganz wie unsereiner, geht er vor Ärger in Igelstellung (il se met en boule ).

Wenn Sie nun mal mit den Hautmuskeln der Stirn denken können, können Sie es ebensogut mit den Füßen tun. Gerade dahin möchte ich, daß es hineinkommt, letzten Endes sind doch das Imaginäre, das Symbolische und das Reale dazu gedacht, daß es denjenigen unter diesem Trupp hier, das heißt denen, die mir folgen, daß es ihnen helfen soll, die Bahn der Analyse zu brechen.

Kurzum, diese Schnurschleifen da, wovon ich mir für Sie Zeichungen abgequält habe, diese Schnurschleifen, damit ist’ s nichât géant, Wenn Sie Sie hinschnurren. Es müsste Ihnen dienen, dienen genau bei diesem Irren (l’erre), worüber ich Sie in diesem Jahr unterhalten habe , Ihnen dienen, sich dessen gewahr zu werden, was bei der Topologie, die es definiert — da, was dazwischen liegt ; dienen, die Nicht-Irregeführten der Autobahn zu sein.

Nun sind diese Termini nicht tabu. Jetzt ginge es darum, Sie würden sie kapieren. Und die waren schon viel länger vor der da, die ich dadurch voraussetze, daß ich sie die Erste nannte, beim ersten Mal, als ich in Rom sprach. Die habe ich herausgebracht, diese dreie da, nachdem ich sie ziemlich gut durchdacht (cogités ) hatte, die habe ich sehr früh gebracht, lange bevor ich mich an meine erste Rom-Rede gesetzt habe.

Wenn diese runden Schleifen auch die des Borromäischen Knotens sind, deswegen brauchen Sie nicht gleich darin mit dem Fuß zu hängen-bleiben. Das ist es nicht, was ich unter “mit den Füßen denken” meine. Ganz etwas anderes als ein Glied — ich spreche von den Analytikern — sollten Sie darin hängen lassen. Für Sie gilt es, dieses widersinnige Objekt darin zu lassen, welches ich mit klein a bestimmt habe. Es ist, was in der Verstrickung des Symbolischen, des Imaginären, des Realen als Knoten sich verfängt. Indem Sie es richtig fangen, werden Sie dem gerecht, was Ihre Funktion ausmacht : es als Ursache seines Begehrens (désir) Ihrem Analysanten zu schenken. Das ist es, was zu erreichen ist. Bleiben Sie dennoch mit’m Bein drin hängen, so ist ’s auch kein Beinbruch, hm ? Hauptsache, es geht auf Ihre Kosten !

Um klar zu reden, nach diesem Widerruf des “je souis” , gönne ich mir nun den Spaß, Ihnen anzugeben, worum es geht : dieser Knoten, der müssen Sie sein (il faut l’être). Wenn ich nun dazu noch hinfüge, was Sie schon wissen, nach dem, was ich ein Jahr lang unter dem Titel L’envers de la psychanalyse über die vier Diskurse artikuliert hatte, bleibt immer noch eins übrig : Nur den Schein müssen Sie sich geben, es zu sein. Das ist stark. Um so stärker, als daß es nicht genügt, es als Idee zu fassen, um es als dessen Schein zu bringen. Bilden Sie sich nicht ein, die Idee stamme von mir. Ich habe geschrieben : “ Objekt klein a ”. Das ist ganz was Anderes. Das gibt ihm mit der Logik eine Verwandschaft, das heißt, macht es fähig, im Realen zu operieren als das Objekt, wofür gerade keine Idee vorhanden ist, was allerdings bisher in allen, wie auch gearteten Theorien echt eine Lücke war : das Objekt, wofür es keine Idee gibt. Darin liegt die Berechtigung meines Vorbehalts, meines vorhin geäußerten Vorbehalts gegenüber dem Vorsokratismus des Plato. Nicht, daß er davon keine Ahnung gehabt hätte. Ohne es zu wissen, schwimmt er im Schein. Das nimmt ihm die Ruhe, auch wenn er es nicht weiß. Nur eins kann’s heißen : er ahnt es, doch weiß er nicht, warum es sich so verhält. Daher dieses Untragbare, diese Unerträglichkeit, die er ausbreitet.

Nicht einen Diskurs gibt es, wo der Schein nicht das Spiel führte. Man sieht nicht ein, warum der neueste Ankömmling, der psychoanalytische Diskurs, dem entgehen sollte. Daß er der neueste Ankömmling ist, dieser Diskurs, soll doch Ihnen kein Grund sein, daß Sie sich darin so unbehaglich fühlen, daß auch Sie, nach dem Gebrauch, wo Ihre Kollegen der Internationale ihre Steifheit hernehmen, mit einem übernatürlichen, zur Schau getragenen Schein erscheinen sollen. Sie erinnern sich doch : der Schein dessen, was in species spricht, der ist immer dabei, welche Art von Diskurs es auch besetzen mag. Es ist halt eine zweite Natur. Also seien Sie etwas lockerer, meinetwegen, natürlicher, wenn Sie jemanden empfangen, der von Ihnen eine Analyse will. Fühlen Sie sich nicht genötigt, so geschraubt zu tun. Auch als Narren, sind Sie zu sein berechtigt. Schauen Sie sich nur meine “Télévision” an. Ich bin ein Clown. Nehmen Sie sich daran ein Beispiel ohne mir nachzuahmen ! Der Ernst , der mich beseelt, ist die von Ihnen dargestellte Reihe. Sie können nicht zugleich dabei sein (en être = dazu gehören) und es sein (l’être).

Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale, das besagt, was in Ihrem Wort effektiv operiert, wenn Sie im analytischen Diskurs stehen, wenn Sie als der Analytiker dastehen. Wirklich nur für und durch diesen Diskurs tauchen diese Termini auf. Ich brauchte darin keine Absicht zu legen, auch ich brauchte nur in der Folgerichtigkeit zu liegen (je n’ai eu qu’à suivre). Es heißt nicht, daß es nicht ebenfalls die andersartigen Diskurse beleuchten würde, noch heißt es, daß es deren Gültigkeit aufheben würde. Nehmen wir den Diskurs des Herren : sein Zweck ist, daß die Sachen in jedermanns Gleichschritt laufen sollen. Das aber ist überhaupt nicht dasselbe wie das Reale, weil das Reale gerade das ist, was nicht läuft, was vor diesem Fuhrwerk sich in die Quere legt, mehr, was nicht aufhört, sich zu wiederholen, um dieses Vorwärtskommen zu hemmen. Ich hab es erst so gesagt : es ist, was immer zur selben Stelle wiederkommt. Die Betonung ist auf “wieder” zu legen. Es ist die Stelle, die es bloßlegt, die Stelle des Scheins. Es läßt sich schwerlich vom Imaginären allein aufstellen, wie es erst der Begriff von Stelle nahzulegen scheint. Zum Glück haben wir die mathematische Topologie, uns darauf zu stützen, und das versuche ich zu tun.

In einer zweiten Etappe habe ich es, dieses Definieren des Realen, ab dem Unmöglichen, i. e. ab einer logischen Modalität, einzukreisen versucht. Nehmen Sie bloß an, im Realen gäbe es nichts, was unmöglich wär’. Na, die würden vielleicht ein Gesicht machen, die Wissenschaftler, und wir auch ! *Wer hat dort was zu melden ?* Doch welch ein langer Weg mußte zurückgelegt werden, bis man dessen gewahr wurde ! Jahrhunderte währte der Glaube, alles sei möglich. Ich weiß nicht, ob vielleicht einige von Ihnen Leibnitz gelesen haben. Das “Zusammen-Mögliche” (le “compossible”) war seine einzige Auskunft. Gott habe sein Bestes getan. Im Zusammenwirken hätten doch die Dinge möglich sein müssen. Kurz, unvorstellbar, was an Kombinat, an künstlich Kombiniertem, hinter dem Ganzen steckt ! Vielleicht wird uns einmal die Psychoanalyse dahin bringen, die Welt als das anzusehen, was sie ist : als imaginär. Dazu gelangt man erst, wenn die sogenannte Vorstellungsfunktion reduziert wird und dort hingesteckt, wo sie hingehört, nämlich in den Körper. Die Vermutung hat man seit geraumer Zeit. Eben in dieser Ahnung besteht der philosophische Idealismus. Der philosophische Idealismus kam zwar darauf, doch solange es keine Wissenschaft gab, mußte man den Mund halten, nicht jedoch ohne daß ein Zipfel herausguckte : man resignierte, doch harrte man auf Zeichen, Zeichen aus dem Jenseits, aus dem Numen, wie sie das so nennen. Deswegen mischten wohl auch einige Bischöfe mit in die Sache, der Bischof Berkeley vor allem, der seiner Zeit unübertrefflich war, und dem das sehr gut gelegen kam.

Das Reale ist nicht die Welt. Umsonst hoffte man, das Reale über die Vorstellung zu fassen. Ich will hier nicht die Theorie der Quanten, noch die der Wellen oder die der Körperchen heranholen. Doch besser wär’s schon, Sie hätten davon einen Schimmer, wenn Sie sich auch dafür nicht interessieren. Holen Sie sich ihn doch selbst, diesen Schimmer, Sie brauchen nur in ein paar kluge Büchlein hineinzugucken.

Damit ist also das Reale nicht allgemeingültig (universel), was bedeutet, daß es “alles” (“tout ”) nur ist, stricto sensu, insofern jedes einzelne seiner Elemente mit sich selbst identisch ist, ohne sich jedoch als “alle” (“”) bezeichnen zu können. “Alle Elemente” gibt es nicht, sondern nur “Mengen” (des ensembles), die jeweils zu bestimmen sind. Es erübrigt sich, hinzuzufügen : Das ist alles. Mein S Index 1 hat lediglich den Sinn, auf dieses Irgendetwas hinzudeuten, diesen Signifikanten, i. e. diesen Buchstaben-Signifikanten, der das ist, was ich S1 schreibe, Signifikant, den man nur so schreibt, daß man dem keine Sinnwirkung beimißt : das Gegenstück, sozusagen, zum Objekt klein a.

Ach, wenn ich dran denke, daß ich mir eine Weile den Spaß machte, diesen S1 zur Würde des Signifikanten Eins hochzuspielen, daß ich dann mit dieser Eins und dem klein a spielte, indem ich sie durch die goldene Zahl miteinander knüpfte, das ist Gold wert (ça vaut mille) ! Dieses ça vaut mille heißt nichts weiter, als daß es erst dadurch zum Belang kommt, daß man es schreibt. Es war an sich dazu gedacht, die Nichtigkeit von jeglichem Koitus mit der Welt zu verbildlichen, d. h. von dem, was man bisher Kenntnis genannt hat. Denn in der Welt gibt es nichts weiter als ein Objekt klein a, Dreck oder Blick, Stimme oder Schnuller, welches das Subjekt erneut spaltet und es als diesen Abfall verschminkt, der am Körper ek-sistiert. Davon den Schein zu geben, dazu gehört Talent. Besonders schwierig — , jedenfalls schwieriger ist es für eine Frau als für einen Mann, im Gegenteil zu dem, was sonst behauptet wird. Daß die Frau gelegentlich das Objekt klein a des Mannes ist, heißt lange nicht, daß sie es gern ist. Doch es kommt vor. Es kommt vor, daß sie dem auf natürliche Weise ähnelt. Nichts hat mehr Ähnlichkeit — will sagen, nichts ähnelt mehr einem Fliegendreck als Anna Freud ! Muß sie doch davon was haben !

Jetzt im Ernst. Zurück zu dem, was ich versuche. Dieser Dritten, der muß ich aus ihrem Inhalt an Realem ihren Halt geben, und darum stelle ich Ihnen die Frage, wovon ich sehe, daß diejenigen, die mit mir, bzw. vor mir gesprochen haben, sie wohl ahnen, nicht nur ahnen, sondern sie haben sie gar ausgesprochen — daß sie sie aussprachen, zeichnet, daß sie sie ahnen : ist die Psychoanalyse ein Symptom ?

Sie wissen, wenn ich Fragen stelle, heißt’s, ich habe die Antwort. Allerdings wäre es besser, diese Antwort würde stimmen. Ich heiße Symptom das, was aus dem Realen kommt. Es heißt, es nimmt sich aus wie ein Fischlein, dessen gieriges Schnäuzchen erst dann zuschnappt, wenn es etwas Sinn zu knabbern ergattert hat. Und dann entweder, oder : entweder vermehrt es sich daran, — “wachst, und vermehrt euch in einem fort” [multipliez-vous]”, sagte der Herr, was doch ein hartes Stück ist, welches uns stutzig machen sollte, dieser Gebrauch des Begriffs Vermehrung/Multiplikation : er, der Herr, müßt’ es doch wissen, was eine Multiplikation ist, diese Wucherung des Fischleins sicherlich nicht — oder aber es platzt.

Das Beste wär’, das, worum wir uns bemühen müßten, ist : das Reale würde am Symptom platzen, und da ergibt sich die Frage : wie richten wir es ein ?

Es gab so ’ne Zeit, da ich mich in Einrichtungen überall verbreitete, die ich lieber unbenannt lasse (obwohl ich in meinem Zeug, hier, darauf anspiele, das kommt zum Druck, ich muß etwas weg lassen), eine Zeit also, da ich in Einrichtungen der Medizin versuchte, klar zu machen, was das Symptom sei, ich sagte es damals nicht ganz wie heute, doch es ist vielleicht ein “Nachtrag” , ich glaube jedoch, ich wußte es schon, wenn ich gleich das Imaginäre, das Symbolische und das Reale noch nicht hervorgebracht hatte. Der Sinn des Symptoms ist nicht der, womit man es füttert, daß es entweder wuchert oder ausstirbt, der Sinn des Symptoms, das ist das Reale, das Reale als das, was sich in die Quere legt (se met en croix), um zu verhindern, daß die Dinge in dem Sinne laufen, daß sie zufriedenstellend über sich selbst Rechenschaft ablegen — zufriedenstellend wenigstens für den Herrn, was keineswegs heißen will, daß der Sklave im Entferntesten darunter leidet, bei weitem nicht ; der Sklave — ich bitte um Entschuldigung für diese Parenthese — er, der Sklave, hat bei dem Geschäft schön seine Ruhe, mehr als man glaubt, er ist der Lustgewinner (“c’est lui qui jouit”), im Gegensatz zu dem, was Hegel behauptet, der es doch merken müsste, denn gerade deswegen hat er es von dem Herrn mit sich geschehen lassen. Nun verspricht ihm Hegel noch “die Zukunft” dazu ; Überglücklicher ! Auch das ist ein Nachtrag , und von noch erhabenerer Art als in meinem Fall sozusagen, beweist es doch, daß der Sklave das Glück hatte, schon in heidnischen Zeiten ein Christ zu sein ! Das liegt auf der Hand, aber zum Wundern ist es doch. Wahrhaftig der reine Gewinn ! Alles, aber alles, um glücklich zu sein ! Das findet sich nie wieder. Jetzt, da es mit den Sklaven vorbei ist, sind wir drauf angewiesen, aus den Komödien des Plautus und des Terenz davon so viel es geht zu schnappen, uns eine Idee davon zu machen, wie gut es die Sklaven hatten.

Doch ich irre ab. Nicht jedoch, daß ich dabei den Faden über dem verlieren würde, wovon sie zeugt, diese Abirrung. Der Sinn des Symptoms hängt von der Zukunft des Realen ab, das heißt, wie ich es auf der Pressekonferenz sagte, vom Erfolg der Psychoanalyse. Was von ihr verlangt wird, ist, daß sie uns gleichzeitig des Realen und des Symptoms entledige. Wenn es ihr gelingt (si elle succède), wenn sie dieser Anforderung erfolgreich (a du succès) nachkommt, dann muß man sich — Pardon, ich sag’s nur, weil ich seh, es waren einige Leute bei dieser Pressekonferenz nicht dabei, ich sag’s also für sie — dann muß man sich auf alles gefaßt machen, nämlich zum Beispiel auf eine Rückkehr des wahren Glaubens (la vraie religion), denn die Religion hat bekanntlich nicht den Anschein, im Verfall begriffen zu sein. Sie ist nicht dumm, die wahre Religion, alle Hoffnungen sind ihr recht, wenn ich so sagen darf ; sie heiligt sie. So stehen sie ihr alle offen .

Gelangt also die Psychoanalyse zum Erfolg, wird sie als bloßes, vergessenes Symptom erlöschen. Darüber soll sie sich nicht wundern : so ist das Schicksal der Wahrheit, worauf sie selbst prinzipiell beruht. Die Wahrheit wird schnell vergessen. Alles hängt also davon ab, ob das Reale beharrt (insiste). Dafür müsste aber die Pychoanalyse scheitern. Man muß zugeben, sie ist auf dem besten Weg dazu und hat also noch gute Chancen, als Symptom zu bleiben, zu wachsen und sich zu vermehren. Psychoanalytiker nicht gestorben, Brief folgt ! Doch bleiben Sie auf der Hut. Das wär vielleicht meine Message in umgekehrter Form. Mag sein, daß ich mich dabei überstürze . Das ist die Funktion der Hast, wie ich sie damals für Sie zur Geltung brachte.

Was ich Ihnen sagte, das eben Gesagte, kann jedoch falsch verstanden worden sein : etwa im Sinne der Frage verstanden, ob die Analyse ein gesellschafliches Symptom sei. Das einzige gesellschaftliche Symptom ist : jedes Individuum ist im wirklichen Sinn ein Proletarier, indem es über keinen Diskurs verfügt, woraus soziale Bindung zu bilden (faire lien social) wäre, d. h. woraus sich den Schein zu geben (faire semblant). Dem hat Marx vorgebeugt, auf unglaubliche Weise vorgebeugt. Gesagt, getan. Was er geäußert hat, setzt voraus, daß nichts zu ändern ist. Deshalb geht auch alles genau weiter wie gehabt.

Gesellschaflich hat die Psychoanalyse eine andere Konsistenz als die anderen Diskurse. Sie ist eine Zweier-Bindung. Damit befindet sie sich auch an der Stelle, wo das sexuelle Verhältnis fehlt. Das macht aber noch lange kein soziales Symptom aus ihr aus, denn in allen Gesellschaftsformen fehlt das Sexualverhältnis auch. Das hängt mit der Wahrheit zusammen, die jeden Diskurs strukturiert. Das ist ja auch der Grund, warum es keine echte, auf dem analytischen Diskurs basierende Gesellschaft gibt. Eine Schule gibt es, die sich eben nicht als Gesellschaft definiert. Sie definiert sich darin, daß ich dort etwas lehre. Es mag sich noch so lustig anhören, aber wenn von der Ecole Freudienne die Rede ist, so ist es etwas in der Art von dem, was beispielsweise die Stoiker ausmachte. Übrigens hatten die Stoiker sogar etwas wie eine Vorahnung vom Lacanianismus. Sind sie es doch, die den Unterschied zwischen signans und signatum erfunden haben. Ich wiederum habe ihnen meine Achtung vor dem Selbstmord zu verdanken. Natürlich nicht vor Selbstmordhandlungen, die auf einem Scherz beruhen würden, sondern vor solchem Selbstmord, der letzten Endes der eigentliche Akt ist. Natürlich darf er nicht fehlschlagen. Sonst ist er kein Akt.

Naja. Bei all dem ist Denken nicht das Problem. Der Psychoanalytiker weiß, daß das Denken von Natur aus abwegig ist, was ihn nicht davon entledigt, einen Diskurs zu verantworten, der den Analysanten bindet an — an was denn ? Wie jemand es heute morgen sehr richtig gesagt hat : keineswegs an den Analytiker. Was dieser Kollege heute früh sagte, drücke ich anders aus und ich freue mich, daß beide Aussagen zusammenlaufen ; der Diskurs bindet den Analysanten an das Paar Analysant-Analytiker. Was jener heute morgen gesagt hat kommt genau aufs Gleiche heraus.

Das Scharfe am Ganzen ist, daß es das Reale sein soll, wovon in den kommenden Jahren der Analytiker abhängen wird, und nicht umgekehrt. Nicht vom Analytiker hängt die Ankunft des Realen ab. Ihm, dem Analytiker, obliegt die Aufgabe, es zu durchkreuzen. Trotz allem könnte gleich dem Pferde das Reale durchgehen, besonders seitdem es vom wissenschaflichen Diskurs unterstützt wird. Darin besteht sogar eine der Übungen, die man science fiction nennt, wovon ich sagen muß, daß ich sie nie lese ; doch in den Kuren wird mir nicht selten erzählt, was drin steht ; das ist kaum vorstellbar. Eu-genie, Eu-thanasie, kurz, allerlei diverse Eu-scherze. Da, wo es lustig wird, ist, wenn die Wissenschaftler selbst gepackt werden, gepackt natürlich nicht von der science fiction, sondern von einem Angstgefühl ; das gibt doch zu denken. Das ist wohl das typische Symptom jedes Ankunft des Realen. Und wenn die Biologen, um sie zu nennen, wenn diese Wissenschaftler sich selbst ein Embargo auferlegen, zwar über die Behandlung von Bakterien im Labor, aus dem Grunde, wenn man einige zu schlimme, hartnäckige erzeugte, könnten die mal durch die Tür entwischen und, sagen wir, zumindest die ganze Geschichte des sexuierten Lebens, und damit das Sprechwesen (le parlêtre), von der Fläche wegwischen, na, scharf ist es trotzdem ! Gewaltig komisch ist doch diese Anwandlung von Verantwortungsgefühl : das Leben endlich restlos auf die Infektion reduziert, die es aller Wahrscheinlichkeit nach auch wirklich ist, das ist das Höchste des Denkwesens (l’être pensant) ! Leider merken sie dabei nicht einmal, daß dadurch gleichzeitig der Tod darin liegt, was in lalangue, so wie ich es schreibe, für dessen Zeichen steht. Wie dem auch sei : die etwas höher erwähnten, von mir nebenbei betonten “eu’s” würden uns endlich in die Apathie des allgemeinen Wohls versetzen, und für das fehlende Verhältnis, das ich durch diese Verbindung von Kant mit Sade für auf ewig unmöglich erklärt habe, als Ersatz stehen, worüber ich mich genötigt sah, in einer Schrift die Zukunft anzumerken, die uns vor der Nase hängt — nämlich dieselbe, wo die Analyse die eigene, sozusagen gesicherte Zukunft hat. “Franzosen ! eine letzte Anstrengung um zu Republikanern zu werden” . Ihnen wird obliegen, dieser Mahnung gerecht zu werden — wenn ich auch nicht immer recht weiß, ob Sie diesen Aufsatz mit regem oder kaltem Blut gelesen haben. Allein so ’n kleiner Typ hat sich damit zu schaffen gemacht. Das hat wenig eingebracht. Je mehr ich an meinem Dasein zehre (wie ich am Schluß eines meiner Seminare geschrieben habe), desto weniger weiß ich über die Weise, wie es auf Sie wirkt.

Diese Dritte, die lese ich vor, während Sie sich vielleicht erinnern, daß ich in die Erste, die darin wiederkommt, gedachte, mein Parlieren hineinlegen zu müßen — hat man sie doch inzwischen gedruckt, aus dem Vorwand, Sie allesamt hätten den Text verteilt bekommen. Wenn ich auch heute bloß ourdromen tue, so hoffe ich doch, daß sich für Sie kein zu großes Hindernis daraus ergibt, zu verstehen, was ich vorlese. Wenn es ein doch zu großes ist, so bitt’ ich um Verzeihung.

In der Ersten also, die wiederkommt, damit sie nicht aufhört sich zu schreiben, unentbehrlich, jene Erste, “Fonction et champ…”, darin habe ich gesagt, was zu sagen war. Die Deutung, habe ich dort geäussert, ist nicht Sinndeutung, sondern Spiel mit der Mehrdeutigkeit. Darum habe ich in der Sprache auf den Signifikanten die Betonung gelegt. Ich habe ihn als die Instanz des Buchstaben bezeichnet, um von Ihrem schwachen Stoizismus verstanden zu werden. Daraus ergibt sich, so habe ich seitdem ohne besseren Erfolg hinzugefügt, daß durch lalangue die Deutung erfolgt, was nicht hindert, daß das Unbewußte wie die Sprache strukturiert ist, eine von jenen Sprachen, wodurch die Sprachwissenschaftler sich bemühen, weiszumachen, daß die Sprache belebt sei. Grammatik nennen sie das gewöhnlich, oder wenn es sich um Hjelmslev handelt, Form. Das geht nicht von selbst, auch wenn jemand, der mir deren Anbahnung zu verdanken hat, die Grammatologie in helles Licht gesetzt hat.

So : lalangue ist es, was anzunehmen gestattet, daß der “vœu “ (Wunsch) mit dem “veut” von “vouloir” (wollen), 3. Person, Präsens des Indikativs, nicht zufällig gleichlautend ist, daß der “non” des Verneinens wie der “nom” des Nennens auch nicht von ungefähr gleichlauten. Ebensowenig wie “d’eux” (wo d’ vor denjenigen “eux”, wovon die Rede ist, vorgelegt ist) durch lauter Zufall oder ganz willkürlich auf gleiche Art wie die Zahl “deux” (zwei) beschaffen ist, wie es bei Saussure heißt. Was dabei zu begreifen ist, ist der Niederschlag, der Bodensatz, der Petrefakt, der sich als Merkmal aus der Handhabung durch eine Gruppe ihrer unbewußten Erfahrung ergibt.

Weil sie im Gebrauch ist, ist die Sprache deswegen nicht lebendig (langue vivante) zu nennen. Vielmehr vermittelt sie den Tod des Zeichens . Weil das Unbewußte wie die Sprache strukturiert ist, heißt es deswegen nicht, daß sie, lalangue, nicht gegen ihre Lustgewinnung (ihr Genießen ) zu spielen hätte (jouer contre son jouir), hat sie sich doch selbst aus eben dieser Lustgewinnung (ce jouir) herausgebildet. Dem Analytiker, als dem Subjekt in der Übertragung, dem Wissen unterstellt wird, wird dies nicht zu Unrecht unterstellt, wenn er weiß, worin das Unbewußte besteht, in einem Wissen nämlich, welches von lalangue artikuliert wird, während der Körper, der da spricht, daran nur mittels des Realen verknüpft ist, wo er seine Lust her hat (dont il se jouit). Doch im natürlichen Zustand ist der Körper als mit diesem Realen unverknüpft aufzufassen, welches für ihn, wenn es auch dem ex-sistiert, insofern es seine Lust schafft, nicht weniger undurchsichtig bleibt. Es ist der dadurch weniger scharf wahrgenommene Abgrund, daß es lalangue ist, die dieser Lust Kultur beibringt (civilise), wenn ich so sagen darf, und damit meine ich, daß jene sie zu ihrer Vollwirkung entwickelt, eine Wirkung, durch welche der Körper von Objekten Lust gewinnt, deren Erstes dasjenige ist, welches ich klein a schreibe, eben das Objekt, wofür, wie ich vorhin sagte, es keine Vorstellung gibt, ich meine, keine Idee an und für sich, es sei denn, es geht zerbrochen, dieses Objekt, in welchem Fall seine Stücke körperlich identifizierbar sind und als Körperscherben auch identifiziert werden. Das geschieht erst durch die Analyse, erst dadurch wird dieses Objekt zum durch die Arbeit erreichbaren Lustkern, doch es hängt an der bloßen Existenz des Knotens, an den drei torigen Konsistenzen der Schnurringe, worin er besteht.

Das Eigenartige ist diese Verbindung, wodurch eine wie auch geartete Lust wohl dieses Objekt voraussetzt, so daß die Mehrlust (le plus-de-jouir), wie ich mir herausgenommen habe, dessen Ort zu bezeichnen, welche Lustart auch in Anbetracht kommt, ihre Vorbedingung ist.

Ich habe ein kleines Schema gezeichnet. Trifft es im Fall der Körperlust als Lebenslust auch zu, so ist das Erstaunlichste, daß dieses Objekt, das klein a, diese Körperlust von der phallischen Lust trennt. Dafür müssen Sie sich ansehen, wie der beschaffen ist, dieser Borromäische Knoten. Hier haben Sie’s.

(figure 1)

(Abbildung 1)

 
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(Abbildung 2)

 
Daß die phallische Lust gegenüber der Körperlust anomalisch wird, ist etwas, das schon zigmal wahrgenommen wurde. Ich weiß nicht, ob viele hier in etwa im Bilde sind mit diesen unanständigen Geschichten, die uns aus Indien kommen : kundalini, nennen sie das. Es gibt Leute, die dieses Ding so bezeichnen, womit ihrer Ansicht nach etwas ihnen das ganze Mark lang hochkrabbelt — seitdem ist man allerdings in der Anatomie etwas weiter fortgeschritten — und sie stellen sich also vor, das wäre das Mark — Andere erklären es so, es habe mit dem Rückgrat zu tun —, und es steige ihnen ins Gehirn.

Um es uns verständlich zu machen, dieses Außerkörperliche (le hors-corps) der phallischen Lust — und wir haben es heute früh zu verstehen bekommen, dank meinem lieben Paul Mathis, dem ich ebenfalls großen Lob erteilt habe für das, was ich von ihm über das Schreiben und die Psychoanalyse gelesen habe — heute früh hat er uns dafür ein prächtiges Beispiel geliefert. Er ist wahrlich keine Leuchte, dieser Mishima. Wenn er uns erzählt, Sankt Sebastian wäre ihm Anlaß zu seiner ersten Ejakulation gewesen, muß sie ihn mächtig verblüfft haben, diese Ejakulation. Jeden Tag sehen wir auch Typen, die einem erzählen, die vergessen sie nie, ihre erste Masturbation, weil es ja im Bildschirm hereinplatzt (“ça crève l’écran”). Tatsächlich versteht sich, warum der Bildschirm darüber platzt, denn es kommt nicht vom Innern des Bildschirmes. Der Körper, der kommt halt — davon bin ich ausgegangen — über das Körperbild in die Lustökonomie. Dieses Verhältnis vom Menschen, von dem, was unter diesem Namen verstanden wird, zu seinem Körper, wenn etwas unterstreichen kann, wie durchaus imaginär es ist, so ist es die Bedeutung, die darin dem Bilde zukommt, zwar von Anfang an, das habe ich gehörig betont, mußte es wohl im Realen dafür einen Grund geben, und es kann nur die Bolksche Theorie der Unausgereiftheit (la prématuration) sein — die habe ich nicht erfunden sondern Bolk, ich habe nie versucht originell zu sein, sondern lediglich ein Logiker — nur die Unausgereiftheit erklärt diese Vorliebe für das Bild, die daherrührt, daß der Mensch seine körperliche Reife vorwegnimmt, natürlich mit all dem, was sie beinhaltet, nämlich, daß er Seinesgleichen nicht erblicken kann, ohne zu meinen, daß dieser ihm seinen Platz wegnimmt, wofür er ihn natürlich mit Gift und Galle ausspeit.

Warum ist er derart seinem Bilde unterworfen ? Sie wissen mit welcher Mühe ich einmal — natürlich haben Sie nichts davon gemerkt ! — mit welcher Mühe ich doch versucht habe, Ihnen das klar zu machen. Ich habe für diesesVerhältnis zum Bild bei einer Anzahl von Tieren unbedingt irgendein Prototyp finden wollen, nämlich den Zeitpunkt, wo das Bild im Reifungsprozeß der Keimzellen eine Rolle spielt. Da habe ich mir die Wanderheuschrecke, dies und das, den Stichling, das Taubenweibchen herangeholt… In Wirklichkeit hatte es — hat es — mit Vorspiel, mit Vorübung — sollten wir dazu Appetithäppchen sagen —, nichts zu tun : Wenn der Mensch es nun einmal dermaßen liebt, sein Bild zu betrachten, da kann man nur sagen : es ist halt so.

Doch das Verblüffendste dabei ist : es hat zum Verschieben verholfen, zu jenem Verschieben des Gottesgebotes. Der Mensch ist doch sich selbst in seinem Wesen näher als in seinem Spiegelbild. Was ist also sonst an dieser Geschichte mit dem Gebote “Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst”, wenn sie nicht auf dieser Luftspiegelung beruht, was doch ein lustig Ding ist, ist doch diese Luftspiegelung eben das, was den Menschen zu hassen bringt, zwar nicht den Nächsten, sondern den Gleichen, so ist das ein Ding, das leicht daneben gehen würde, wenn man nicht meinte, Gott müsse eigentlich wissen, was er sagt, und es gebe für jeden etwas, was sich noch lieber hat als sein Bild.

Folgendes fällt auf : wenn es etwas gibt, was uns von diesem “Lust-an-sich-selbst-empfinden” (se jouir) die Vorstellung verschafft, so ist es das Tier. Wenn dafür kein Beweis erbracht werden kann, so scheint es der animalische Körper, wie man es nennt, doch zu implizieren.

Interessant wird die Frage, wenn man sie erweitert und sich fragt, ob von des Lebens wegen, die Pflanze Lust empfindet. Darin liegt doch ausgesprochen Sinn, denn gerade damit hat man uns ja eingewickelt ; hat man uns es doch mit der Feldlilie angedreht. Weder weben noch spinnen sie, heißt es ergänzend. Fest steht im Gegenteil, daß wir uns heute nicht mehr damit begnügen können, zwar aus dem Grunde, weil sie eben doch weben und spinnen. Für uns, die wir es unterm Mikroskop betrachten, gibt es kein augenfälligeres Beweis für die Spinnerei, die es doch ist. Vielleicht eben an diesem Weben und Spinnen haben sie ihre Lust. Insgesamt bleibt trotzdem die Sache ganz und gar in der Schwebe. Die Frage bleibt zu entscheiden, ob Leben Lust impliziert. Bleibt für das Pflanzenreich das Problem ungelöst, desto mehr Wert kommt dem zu, daß es für das gesprochene Wort (la parole) gar nicht fraglich ist, daß lalangue, worin die Lust, wie schon gesagt, sich als Niederschlag ansammelt (fait dépôt) nicht ohne sie zu abzutöten, nicht ohne, daß sie sich wie lebloses Trockenholz gibt, daß lalangue davon Zeugnis ablegt, daß das Leben, woraus eine Sprache Abwurf macht (fait rejet), uns doch wohl ahnen läßt, daß das etwas ist, was dem Bereich des Pflanzlichen gehört.

Dieses muß näher betrachtet werden. Ein Sprachwissenschaftler hat mal groß betont, der Phonem gebe niemals Sinn her. Das Dumme ist, daß auch das Wort keinen Sinn hergibt, trotz Wörterbuch. Ich mache mich anheischig, ein beliebiges Wort in einem Satz einen beliebigen Sinn hersagen zu lassen. Wenn man also jedes beliebige Wort jeden beliebigen Sinn hergeben läßt, wo soll man im Satz anhalten ? Wo findet man die Element-Einheit ?

Da wir in Rom sind, möchte ich versuchen, Ihnen davon eine Idee mitzuteilen, was ich sagen möchte, was aus dieser Einheit wird, will man Signifikanten ermitteln.

Wie Sie wissen, sind da die drei berühmten, mit Recht theologal genannten Tugenden. Hier sieht man sie absolut überall an den Wänden als üppige Frauen sich zur Schau stellen. Wer dürfte noch sagen, wenn man sie nachher als Symptome bezeichnet, man verfalle in die Übertreibung : wenn man doch, wie ich es gemacht, vom Realen ausgehend das Symptom

definiert, kommt es dem gleich, zu sagen, die Frauen würden es, das Reale, ebenfalls ausgezeichnet zum Ausdruck bringen, da ich gerade die Betonung darauf lege, die Frauen seien ein Unganzes (ne sont pas-toutes).

Wenn ich also, davon ausgehend, anstelle von “la foi, l’espérance et la charité » nun “la foire”, “laisse-spère-ogne” sage — lasciate ogni speranza — und dieses Metamorphem ist nicht fauler als ein anderes, jedenfalls nicht als “ourdrome”, welches sie mir vorhin nicht verwehrt haben), um mit dem Urbegriff vom Fehlschlag (le ratage) zu schließen, nämlich “l’archiraté”, so trifft es, will mir scheinen, effektiver und sicherer das Symptom dieser drei Frauen, ist treffender als das, was — in einer Zeit, wo man alles rationalisieren will — zum Beispiel in diesen drei Kantschen Fragen formuliert wurde, mit welchen ich neulich in einer TV-Sendung verwickelt wurde, nämlich : Was kann ich wissen, was darf ich hoffen (das ist wohl das Höchste) und was soll ich tun ? Man wundert sich, daß einige Leute noch mit solchen Dingen einen ankommen. Nicht etwa, daß mir Glaube, Liebe und Hoffnung die Symptome wären, die man sich als erste aufs Korn nehmen müsste. Nicht, daß sie derart schlimme Symptome sind : es ist nur, daß sie die universale Neurose schön flott halten, damit es am Ende nicht noch ärger zugehen soll, und wir somit alle schön dem Realitätsprinzip, das heißt dem Phantasma, unterworfen bleiben sollen. Doch die Kirche wacht und sieht zu, ein Rationalisierungsdelirium wie das von Kant zuzustopfen.

Das als Beispiel genommen, um zu vermeiden, daß ich mich in dem verheddere, was ich Ihnen erst als Spiel angegeben hatte, als Beispiel dessen, was zur Behandlung eines Symptoms gebraucht wird, als ich sagte, daß die Deutung grundsätzlich das sein sollte — wie hier erst gestern sehr schön vorgetragen wurde, nämlich von Tostain, das ready-made des Marcel Duchamp —, daß Sie wenigstens etwas davon zu hören bekommen, das Wesentliche, was im Wortspiel liegt : dahin nämlich soll unsere Deutungarbeit tendieren, um nicht eine solche zu sein, die das Symptom mit Sinn füttert .

Ich täte ebensogut, jetzt alles zu gestehen : warum auch nicht ! Dieser Trick, da, diese Verschiebung von “la foi, l’espérance et la charité” nach der foire — ich sag’s, weil jemand gemeint hat, gestern oder vorgestern abend auf der Pressekonferenz, ich wäre betreffs Glaubens mit Jahrmarkt ein bißchen zu weit gegangen —, das ist ein Traum von mir ; ist es doch mein Recht, ebenso wie Freud, Ihnen meine Träume mitzuteilen ; im Gegensatz zu denjenigen von Freud sind meine nicht durch den Schlafwunsch angeregt : was mich eher bewegt, ist der Wunsch, wach zu werden. Das hat eben seine Eigenart.

Kurz, diese Signifikant-Einheit ist kapital. Ja kapital, doch manifest, offenbar ist auch : hätte sie es nicht gegeben, wäre der moderne Materialismus selbst nicht entstanden, mit Sicherheit nicht, wenn nicht die Menschen seit geraumer Zeit darüber gegrübelt hätten, wenn nicht bei dieser Grübelei das einzig Greifbare der Buchstabe gewesen wär’. Wenn Aristoteles, oder wer es sei, anfängt, die Idee des Elements zu bringen, schreibt er immer erst eine Buchstabenreihe, , genau wie wir es tun. Denn nirgendswo sonst gibt es etwas, was erst die Idee des Elements liefert, im Sinne, den ich vorhin erwähnt habe, glaube ich, im Sinne des Sandkorns (möglicherweise hat dies unter den Sachen gestanden, die ich vorhin ausgelassen habe , doch egal), die Idee des Elements, die Idee, von der ich gesagt habe, es ließe sich nur zählen, und es gibt nichts in dieser Art, was uns Einhalt gebietet ; mögen die Sandkörner auch so zahlreich sein — das sagte schon ein gewisser Archimedes — so zahlreich sie auch sein mögen, immer wird man sie kalibrieren können, doch all das ergibt sich uns durch etwas, wofür es keinen besseren Träger gibt als den Buchstaben. Doch heißt es auch, es kommt, weil es keinen Buchstaben ohne etwas lalangue gibt, und darin liegt sogar das Problem : wie kommt es, daß lalangue sich in dem Buchstaben niederschlagen kann ? Über die Schrift wurde nie etwas vernünftiges geschrieben. Es würde sich doch der Mühe lohnen, denn da gibt es zweifellos eine Brücke.

Also. Daß ich den Signifikanten als etwas postuliere, das ein Subjekt bei einem anderen Signifikanten repräsentiert, das ergibt die Funktion, die sich daraus bewahrheitet — wie es jemand vorhin auch bemerkt hat, wegbahnend sozusagen zu dem, was ich hiervon zu sagen vermag — die Funktion, die sich nur aus dem Entziffern bewahrheitet, derart, daß man zwangsläufig auf die Ziffer zurückkommt und daß darin der einzige Exorzismus liegt, dessen die Psychoanalyse fähig ist, daß nämlich das Entziffern ganz in dem besteht, was die Ziffer ausmacht, was ausmacht, daß das Symptom etwas ist, was vor allem aus dem Realen nicht aufhört, sich zu schreiben , und gelingt einem, es bis zu dem Punkt zu zähmen, wo die Sprache von ihm zweideutig zeugen kann, so hat man dadurch den Raum gewonnen, der das Symptom von dem trennt, was ich Ihnen in meinen Skizzen gleich zeigen will, ohne daß das Symptom sich auf die phallische Lust reduzierte.

Hier muß ich noch ein Stück weglassen.

Was für Sie von meinem anfänglichen “se jouit” zeugt, ist, daß Ihr vermeintlicher Analysant sich dadurch auch als solcher bestätigt, daß er wiederkommt ; denn — ich frage Sie — bei der Aufgabe, die Sie ihm aufbürden, warum sollte er wiederkommen, wenn er nicht ein wahnsinniges Gefallen daran finden würde ? Zumal er oft noch einiges darauf setzt, denn er hat nämlich weitere Aufgaben zu erledigen, um Ihre Analyse zufriedenstellend zu bestehen. Er empfindet an etwas Lust (“se jouit”), was gar nicht jenes “je souis” ist, denn alles zeigt — und dafür sollen Sie sorgen —, daß Sie nicht lediglich von ihm verlangen, er soll einfach “dasein” (“daseiner”), so wie ich jetzt da bin, sondern vielmehr, ganz im Gegenteil, er soll diese fiktive Freiheit prüfen, angeblich was ihm einfällt gerade heraus zu sagen, was sich wiederum als unmöglich erweisen wird ; das heißt, was Sie von ihm verlangen, ist, diese von mir als die des Daseins qualifizierte Stellung ganz und gar aufzugeben, diese Stellung womit er sich leichter begnügt ; er begnügt sich gerade damit, sich über sie zu beklagen, weil sie nämlich mit dem sozialen Sein (l’être social) nicht konform sei, weil es nämlich etwas gebe, was sich in die Quere liege. Und gerade darin, daß sich etwas in die Quere legt, darin besteht das, was er als Symptom, und als solches für das Reale als symptomatisch wahrnimmt. Dazu kommt zusätzlich, wie er an dessen Durchdenken herangeht, doch das ist es, was man bei jeder Neurose den Nebengewinn nennt.

Was ich hier alles sage, ist nicht unbedingt in aller Ewigkeit wahr, was mir übrigens völlig egal ist. Es geht um die Struktur selbst des Diskurses, den Sie erst durch Neuformung (reformer), ja Reformation (réformer) der anderen Diskursarten gründen, so weit sie Ihrem eigenen Diskurs ex-sistieren. In Ihrem eigenen Diskurs wird das Sprechwesen (“parlêtre”) dieses Beharren erschöpfen, welches ihm eigen ist und in den anderen Diskursen zu kurz kommt.

Wo haust nun dieses “ça se jouit” in meinen kategorischen Registern des Imaginären, des Symbolischen, des Realen ?

Schauen Sie da, müssen Sie da oben gucken, daß Sie ’s doch kapieren.

Damit der Borromäische Knoten entsteht, müssen meine Grundkonsistenzen (consistances fondamentales) nicht unbedingt alle drei torisch sein. Wie es Ihnen vielleicht zu Ohren gekommen ist, kann bekanntlich eine Gerade im Unendlichen sich in den Schwanz beißen. Deswegen gibt es vielleicht von den dreien, dem Imaginären, dem Symbolischen, dem Realen eines, sicherlich das Reale, das gerade von dem, was ich sagte, charakterisiert wird, nämlich daß es kein geschlossenes Ganzes, d. h. keinen Ring bildet. (Abb. 3)

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(Abbildung 3)

 
Nehmen Sie nun sogar an, das Gleiche gelte für das Symbolische. Nun genügt es, daß das Imaginäre — das ist eins meiner drei Toren — sich wirklich als der Ort erweist, wo es sich tatsächlich im Kreise dreht, und schon reicht es mit zwei Geraden zum Borromäischen Knoten aus. Was Sie da oben sehen : es ist vielleicht nicht zufällig, daß es sich wie die Verflechtung von zwei aus dem griechischen Alphabet ausnimmt. Vielleicht ist es wohl auch etwas, das würdig ist, unter den Begriff des Borromäischen Knotens zu fallen. Ob Sie nun die Kontinuierlichkeit der Geraden oder ebensogut die des Rings herausspringen lassen, was übrigbleibt, ob eine Gerade und ein Ring oder zwei Geraden, wird dann vollkommen frei, was wohl die Definition des Borromäischen Knotens ist.

Während ich Ihnen all dieses sage, habe ich das Gefühl — ich habe es sogar in meinem Text vermerkt —, daß das Sprechen wirklich das ist, was nur unter Windungen, Wendungen, Wicklungen nach einer Weise vorwärtskommen kann, wovon ich halt nicht sagen kann, daß ich hier nicht mit Beispiel vorangehe. Man glaube nicht, daß, wenn ich für es so manche Lanze breche, wenn ich in all dem, was uns betrifft, markiere, wie sehr wir von ihm abhängen, man glaube ja nicht, daß mir das so leicht fallen würde. Weniger winklig wäre mir lieber. Zum Lachen scheint mir, daß man einfach nicht mitkriegt, daß es keine andere Weise gibt, zu denken, und daß Psychologen auf der Suche nach einem Denken, das nicht gesprochen wäre, irgendwie davon ausgehen, daß reines Denken, wenn ich so sagen darf, etwas Besseres wäre. In dem cartesianischen Satz, den ich vorhin angegeben habe, in dem “je pense donc je suis” nämlich, liegt ein tiefer Irrtum ; was ihn beunruhigt ist, daß… ist : beim Vorstellungsvorgang wäre es, daß das Denken sozusagen Ausdehnung bekommt. Doch darin liegt eben der Beweis dafür, daß es kein anderes Denken, kein — wenn ich so sagen darf — reines Denken gibt, was nicht den Windungen der Sprache unterworfen wäre, als gerade das Denken der Ausdehnung. Das, worein ich nun heute vorhatte, Sie einzuführen, und woran ich letzten Endes nach zwei Stunden immer noch scheitere, mich hinschleppe, ist folgendes : an diese Ausdehnung, die wir mit dem Raum als gleichgestellt voraussetzen, dem uns gemeinsamen Raum, nämlich die drei Dimensionen, warum zum Teufel ist keiner über den Knoten an diese Sache herangegangen ?

Hier schweife ich, wenn ich so sagen darf, ein bißchen ab, den alten Rimbaud und seine Schiffstrunkenheitswirkung mit Zitat heranholend :
Je ne me sentis plus tiré par les haleurs.

Auch ohne jedes rimbateau, jeden poâte oder Ethiopoâte, kann man nicht umhin, sich die Frage zu stellen, warum Leute, die unbestreitbar Steine gemeißelt haben — und das ist die Geometrie, die von Euklid —, warum diese Menschen, die doch diese Blöcke dann an die Pyramidenspitze hochschaffen mußten, und zwar ohne Pferde — bekanntlich hatten die Pferde kaum Zugkraft solange das Kummet nicht erfunden war — wieso haben diese Menschen, die also das schwere Zeug selbst hochschleppen mussten, nicht als Allererstes das Seil, und damit den Knoten, in den Vordergrund ihrer Geometrie gestellt ? Wie konnten sie den Knoten und das Seil übersehen, diese Sache, ohne die selbst die modernste Mathematik den Faden verliert, kann man wohl sagen, denn wie soll man sonst die Angelegenheit mit dem Knoten formalisieren ; eine Menge von Fällen gibt es, wo man den Zusammenhang verliert, und wo der Mathematiker… ; anders verhält es sich mit dem Borromäischen Knoten ; der Mathematiker ist sich dessen gewahr geworden, daß der Borromäische Knoten nichts weiter als eine Flechte ist, und zwar eine von der einfachsten Art.

Es ist klar, daß dieser Knoten dagegen — den habe ich Ihnen da oben hingetan (Abb. 3) in solcher, um so einleuchtenderer Weise, als daß sie uns erlaubt, nicht alles von der torischen Konsistenz von sonst etwas abhängig zu machen, als nur von einer Sache wenigstens ; und diese wenigstens-Eine ist es, die, wenn Sie sie unendlich verkleinern, Sie zur Vorstellung, zur empfindlichen Idee des Punktes bringt, in dem Sinne empfindlich, daß, wenn wir nicht das Erscheinen des Knotens daraus entnehmen, daß der von mir hier hingemalte imaginäre Torus (Ring) sich verkleinert, sich unendlich verschrumpft, wir keinerlei Idee des Punktes haben, weil diese zwei Geraden, wie ich sie eben eingetragen habe, diese Geraden, denen ich die Termini Symbolisches und Reales zuschreibe, die gleiten aneinander weg, möchte man sagen, so weit das Auge reicht. Denn warum sollten zwei Geraden sich auf einer Fläche, auf einem Plan, kreuzen, einander unterbrechen ? Warum sollten sie es ! Wo hat man je etwas Ähnliches beobachtet ! Es sei denn, man würde zur Säge greifen, und sich vorstellen, das, was sich an einem Volumen als Kante ausnimmt, würde ausreichen, eine Linie zu bezeichnen. Ausser diesem Phänomen des Sägens, wie kann man sich vorstellen, aus der Begegnung von zwei Geraden würde sich ein Punkt ergeben ? Meines Erachtens bedarf es dazu mindestens drei.

Dieses führt uns allerdings ein ganz kleines Stück weiter. Lesen Sie nur diesen Text : was er auch taugen mag, unterhaltsam ist er wenigstens.

Das muß ich Ihnen doch zeigen. Dieses (Abb. 4)

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(Abbildung 4)

 
zeigt Ihnen auf welche Weise der Borromäische Knoten am Ende mit jenen berühmten drei Dimensionen tatsächlich zusammenfällt, die wir dem Raum zuschreiben, ohne uns übrigens es nehmen zu lassen, ihrer beliebig viele auszudenken, und sehen wir mal, wie das zustandekommt. Der Borromäische Knoten, der kommt dann zustande, wenn wir ihn eben in diesen Raum hintun. Da haben Sie hier, links, eine Abbildung : es fällt gleich auf, daß, wenn Sie nun in einer bestimmten Weise diese drei Vierecke gleiten lassen (Abb. 5), die übrigens schon an sich allein den Knoten vollkommen bilden, Sie die Figur erhalten, wovon alles hervorgeht, was ich Ihnen vorhin gezeigt habe, worin der Borromäische Knoten besteht, so wie man glaubt, ihn zeichnen zu müssen.

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(Abbildung 5)

 
Nun versuchen wir doch, zu sehen, worum es geht : um die Tatsache nämlich, daß in diesem Realen organisierte Körper zustandekommen, die sich in ihrer Form erhalten ; daraus erklärt sich, daß Körper das Weltall verbildlichen. Es ist doch nicht weiter verwunderlich, daß ausserhalb vom parlêtre wir über keinen Beweis dafür verfügen, daß Tiere über einige Formen hinaus denken, für die wir sie deshalb für empfänglich halten, weil sie vorzugsweise auf sie reagieren. Dabei übersehen wir folgendes, was eigenartigerweise selbst die Ethologen (das sind bekanntlich Leute, die Sitten und Verhalten der Tiere untersuchen) ausser Acht lassen : selbst haben wir keinerlei Grund, von der Vorstellung ausgehen, daß die Welt für alle Tiere die Welt ist, die gleiche Welt sozusagen, während wir doch so viele Beweise dafür haben, daß wenn auch die Einheit unseres Körpers uns unwillkürlich dazu führt, sie als Universum zu denken, sie offenbar doch keine Welt (kein Wesen) ausmacht, sondern eine Unwelt (ein Unwesen) .

Aus dem Unbehagen, das Freud irgendwo notiert, aus dem Unbehagen in der Kultur geht immerhin unsere ganze Erfahrung hervor. Frappierend ist, daß unser Körper zu diesem Unbehagen beiträgt, auf die gleiche Weise trägt er dazu bei, wie wir es geschickt verstehen, Tiere mit unserer Angst zu beseelen, sie sozusagen damit zu beleben. Wovor haben wir Angst ? Das heißt nicht nur “wovor”, sondern “worum”, wo liegt das Objekt aus unserer Angst ? Wir haben Angst um unseren Körper. Das wird durch diese merkwürdige Erscheinung sichtbar, worüber ich ein ganzes Jahr das von mir “L’angoisse” genannte Seminar gehalten habe. Die Angst ist gerade etwas, was in unserem Körper woanders liegt, das ist das Gefühl, das aus dem Verdacht erwächst, der uns befällt, wir würden uns auf unseren Körper beschränken. Da es doch sehr merkwürdig ist, daß die Schwäche des parlêtre es soweit gebracht hat, wurde man dessen gewahr, daß die Angst nicht die Furcht vor irgend etwas ist, wo der Körper seine Beweggründe hernehmen könnte. Es ist eine Angst vor der Angst, und die zu dem so schön gelegen kommt, was ich Ihnen doch gern heute noch sagen möchte — denn es sind hier 66 Seiten, die ich Idiot mir für Sie aus den Fingern gesogen habe, und natürlich will ich nicht endlos so weiter sprechen —, dieses, was ich wenigstens noch Ihnen zeigen möchte : Innerhalb dessen, was ich mir für Sie zur Identifizierung jeder einzelnen dieser Konsistenzen als die des Imaginären, des Symbolischen und des Realen habe einfallen lassen, ist das, was Ort und Platz für die phallische Lust bezeichnet, dieses Feld, das bei der Flachlegung des Borromäischen Knotens durch die Überschneidung, die Sie hier sehen, bestimmt ist (Abb. 6).

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(Abbildung 6)

 
Diese Überschneidung wiederum, wie sich die Sachen figürlich aus der Zeichnung entnehmen lassen, fällt in zwei Teilen aus, da durch Eingreifen des dritten Feldes sich dieser Punkt ergibt, dessen zentral verkeiltes Eckchen das Objekt klein a definiert.

Wie vorhin gesagt, nimmt jegliche Lustart an dieser Stelle der Mehr-Lust Anschluß ; demzufolge was bei jeder einzelnen dieser Überschneidungen, in jedem Feld außerhalb liegt, anders gesagt, hier die phallische Lust, was ich J() geschrieben habe, das ist es, woraus sich das definiert, was ich vorhin durch seinen Charakter des Außerkörperlichen qualifiziert habe.

Mit dem linken Kreis, wo das Reale haust, besteht das gleiche Verhälnis im Bezug zum Sinne (Bedeutung). Ich betone es erneut, betont habe ich es namentlich auf der Pressekonferenz : indem man das Symptom, das Reale, mit Sinn füttert, tut man nichts anderes als es in seinem Fortbestand zu bestätigen. In dem Maße dagegen, wie etwas im Symbolischen durch das verengt wird, was ich Wortspiel, Doppelsinn, genannt habe, was die Aufhebung des Sinnes beinhaltet, in diesem Maße kann sich ebenfalls alles verengen, was die Lust betrifft, namentlich die phallische Lust : beim ganzen Vorgang ist Ihnen die Stelle des Symptoms innerhalb dieser verschiedenen Felder sicherlich nicht entgangen.

Hier haben Sie sie, dargestellt in der Flachlegung des Borromäischen Knotens (Abb. 7).

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(Abbildung 7)
(cliquer pour agrandir)

 
Das Symptom ist Einbruch der Anomalie, worin die phallische Lust besteht, soweit in ihr sich dieser grundsätzliche Mangel ausbreitet, entfaltet, den ich als das sexuelle Nicht-Verhältnisses (le non-rapport sexuel) bezeichnet habe. Nur wenn der Analytiker die Deutung lediglich auf den Signifikanten beruhen läßt, kann im Feld des Symptoms etwas zurückgehen. Hier im Symbolischen — im Symbolischen insofern es von lalangue, von der Sprache getragen wird und hier das von lalangue eingeschriebene Wissen, welches das Unbewußte eigentlich ausmacht, ausgearbeitet wird, dem Symptom Raum abnimmt, was nicht hindert, daß der hier mit grosses S bezeichnete Kreis mit etwas zusammenfällt, was von diesem Wissen nie reduziert werden kann, das ist nämlich das Freudsche Urverdrängte , das, was von dem Unbewußten nie wird ausgedeutet werden. Weshalb habe ich auf die Höhe des Real-Kreises das Wort “Leben” geschrieben ? Deshalb, weil wir unbestreitbar vom Leben, über diesen ungenauen Terminus hinaus, der in der Aussage der Lust am Leben (le jouir de la vie) besteht, vom Leben nichts weiter wissen, und alles, woran die Wissenschaft uns näher bringt, ist, einzusehen, daß nichts Realeres, d. h. nichts Unmöglicheres gibt, als uns vorzustellen, wie diese chemische Konstruktion wohl angefangen hat, die, ausgehend von Elementen, die in was für einen Raum sie auch verteilt sein mochten, und wie wir ihn mit Hilfe der Gesetze der Naturwissenschaft bestimmen wollten, sich plötzlich hat anschicken lassen, ein DNA-Molekül zu bilden, d. h. wohlgemerkt etwas, wo eigenartigerweise erstmalig das Bild eines Knotens betrachten werden kann, und darüber muß man sich sehr wundern, daß wir erst so spät dessen gewahr wurden, daß etwas im Realen — und nichts geringeres als das Leben selbst — seine Struktur vom Knoten herhat. Wie sollten wir danach uns nicht wundern, daß ausgerechnet vom natürlichen Knoten kein Bild uns auffällt, nirgendwo, weder in der Anatomie, noch in den Schlingpflanzen, die doch so aussehen, als seien sie gerade zu diesem Zweck geschaffen worden ? Ich hätte hierfür eine Erklärung : Sollte man nicht darin das Zeichen sehen für eine weitere Art von Verdrängung, das Urverdrängte ? Doch genug geträumt, wir haben mit unseren Trassen genug zu tun.

Daß es gerade die Vorstellung ist, bis zum Freudschen Vorbewußten inbegriffen, die bewirkt, daß mein J(A), das soll heißen des Anderen Genießen (la jouissance de l’Autre ) als parasexuierte Lust, also für den Mann die Lust der vermuteten Frau, und umgekehrt für die Frau — die wir nicht zu vermuten haben, da Die Frau nicht existiert — also umgekehrt für eine Frau, Lust des Mannes, welcher ja leider Gottes ganz ist, der sogar ganz phallische Lust ist ; diese parasexuierte Lust des Anderen, die nicht existiert, sie könnte lediglich, sie würde lediglich durch die Vermittlung des Wortes zu existieren vermögen, namentlich des Liebeswortes, was, muß ich sagen, wohl die paradoxeste und verwunderlichste Sache ist, weshalb es ganz klar und verständlich ist, daß Gott uns ans Herz legt, nur den Nächsten zu lieben, und sich gar nicht auf die Nächste zu beschränken, denn würde man sich seiner Nächsten zuwenden, so würde man glatt dem Scheitern entgegenlaufen (nach ebendem Prinzip, was ich vorhin die christliche archiraté nannte : Bei diesem des Anderen Genießen besteht das, was zeigt, daß in dem Maße, wie die phallische Lust außerhalb des Körpers liegt (hors corps), im gleichen Maße liegt des Anderen Genießen außerhalb der Sprache, des Symbolischen (hors langage, hors symbolique), denn erst ab dem Punkt, d. h. von dem Moment an, wo man das erfaßt, was in der Sprache — wie soll man sagen — am lebendigsten oder am totesten ist, nämlich den Buchstaben, erst dann haben wir Zugang zum Realen.

Diese Lust des Anderen, jeder weiß, wie sehr sie unmöglich ist, ja im Gegensatz steht zu dem von Freud erwähnten Mythos, wonach Eros das Einsmachende wäre, eben das ist, woran wir krepieren : zwei Körper können nie zu Einem werden, so eng man einen auch drücken mag ; zwar habe ich es hier nicht aufgeschrieben, doch das Höchste, was man in diesen berühmten Umarmungen hervorbringen kann, ist “drücke mich fest !”, dennoch wird nie so festgedrückt, daß der Andere totgedrückt wird ! So daß es zu keinerlei Reduzierung auf eins kommt. Das ist doch der größte Unsinn. Wenn es etwas gibt, was das Eine macht, so ist es wohl doch der Sinn des Elements, der Sinn dessen, was in dem Tode seinen Bezug hat.

Ich sage dies alles, weil aufgrund einer gewissen Aura dessen, was ich erzähle, man sicherlich in Bezug auf die Sprache (langage) vieles durcheinanderbringt : ich meine keineswegs, die Sprache sei das Allheilmittel ; weil das Unbewußte wie die Sprache strukturiert ist, was nämlich seine beste Eigenschaft ist, deswegen hängt das Unbewußte nicht weniger eng von lalague ab, d. h. von dem, wodurch bedingt ist, daß toute lalangue ganz eine tote Sprache (langue morte ) ist, wenn sie auch noch im Gebrauch ist. Erst wenn sich etwas davon ablöst , läßt sich dann ein Prinzip der Identität mit sich selbst erreichen, und das ist nicht etwas, was sich auf der Ebene des Anderen ereignet sondern etwas, was sich auf der Ebene der Logik ereignen kann. Erst soweit es einem gelingt, jeglichen Sinn ganz und gar zu reduzieren, kommt man zu dieser großartigen mathematischen Formel der Ich-Ich-Identität, die sich x = x schreibt.

Was des Anderen Lust anbelangt, gibt es eine einzige Weise dazu zu gelangen, und das ist eigentlich das Feld, wo die Wissenschaft ihre Wiege hat, wo die Wissenschaft insofern entsteht, als selbstverständlich sie bekanntlich erst damit anfing, als Galilei anhand von Buchstaben mit Strichen dazwischen Verhältnisse herstellte, da er die Geschwindigkeit als Verhältnis vom Raum zur Zeit definierte, und erst von diesem Moment an — wie es meine Tochter in einem Büchlein sehr schön zeigt — war man aus dem Begriff des Strebens endlich ganz heraus, aus diesem ziemlich intuitiven und verhedderten Begriff, wodurch auch als erstes Resultat die Schwerkraft erdacht werden konnte. Sicher haben wir seitdem einige Fortschrittchen gemacht, doch was bringt letzten Endes die Wissenschaft ein ? Häppchen zum Knabbern bringt sie uns anstelle von dem, was uns im Verhältnis fehlt, — im Verhältnis zur Erkenntnis, wie ich vorhin sagte — an Stelle dessen gibt sie uns letzten Endes das, was für die Meisten, besonders für alle, die hier sind, weiter nichts als ein Firlefanz ist : den Fernseher, die Mondreise, wobei zum Mond Sie nicht einmal selber fahren, sondern nur einige Auserwählte. Immerhin sehen Sie ’s im Fernseher. Da fängt die Wissenschaft an. Daher will ich darauf meine Hoffnung setzen, daß wir vielleicht einmal — indem wir dabei unter jeder Vorstellung hinwegkommen — Wege zu annehmbareren Angaben über das Leben finden werden.

Hier schließt sich der Ring ab, der Ring dessen, was ich Ihnen eben gesagt habe : die Zukunft der Psychoanalyse hängt von dem ab, was aus diesem Realen wird, davon nämlich, ob der Firlefanz zum Beispiel wirklich die Oberhand gewinnt, ob wir zum Schluß wirklich selbst von dem Firlefanz belebt werden. Das scheint mir wenig plausibel, muß ich sagen. Wir werden es kaum schaffen, den Firlefanz nicht zum Symptom werden zu lassen, denn das ist er zur Zeit offensichtlich ganz und gar. Kein Zweifel darüber, daß man ein Auto wie eine Ersatzfrau besitzt ; man will unbedingt darin einen Phallus sehen, doch hat es mit dem Phallus nur so viel zu tun, als daß es der Phallus ist, der uns daran hindert, mit dem ein Verhältnis zu haben, was unser sexuelles Gegenstück wäre. Damit ist es unser parasexuiertes Gegenstück, und jeder weiß, daß das “para” darin besteht, daß jeder auf seiner Seite, jeder für sich nebeneinander stehen bleibt.

So fasse ich zusammen, was in meinen 66 Seiten stand, die ich anfangs in gutgemeinter Absicht vorhatte, Ihnen vorzulesen ; eine bestimmter Sinn lag darin, denn indem ich das Vorlesen auf mich nahm, waren Sie davon entledigt, und somit vielleicht in die Lage gesetzt — das ist mein Wunsch —, einiges zu lesen. Wenn Sie es wirklich schaffen würden, zu lesen, was in dieser Flachlegung des Borromäischen Knotens liegt, wäre, meine ich, eine Sache Ihnen in die Hand gespielt, die Ihnen so viele gute Dienste leisten kann wie die einfache Unterscheidung zwischen dem Realen, dem Symbolischen und dem Imaginären. Verzeihung um das zu lange Reden.

Arbeitsübersetzung (Stand SEP 2005) : Nicole TAUBES (Seminar von Patrick Valas)
Pour la relecture éclairée de cette traduction, soit remerciée Helga Lohrmann.
Siehe zu den Übersetzungsarbeiten von N. Taubes :
http://www.culturactif.ch/traducteu...

 
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(Abbildung 8)
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